FZMw Jg. 3 (2000) TM 2

 

Richard Wagner

Texte zu Tristan und Isolde

 

Online-Einrichtung von

Wolfgang Krebs, Frankfurt-Main

 

  1. Erläuterung des Tristan-Vorspiels
  2. Offener Brief Richard Wagners an Friedrich Uhl
  3. Ansprache vor der Münchner Generalprobe

 

 

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Erläuterung des Tristan-Vorspiels

Quelle:Richard Wagner: Gesammelte Schriften. Hg. von Julius Kapp, 14 Bde., Bd. 9. Hesse & Becker, Leipzig o. J.
Bezug:Faksimile-Beilage zum einem Brief an Mathilde Wesendonk (19. Dezember 1859)

Ein altes, unerlöschlich neu sich gestaltendes, in allen Sprachen des mittelalterlichen Europa nachgedichtetes Ur-Liebesgedicht sagt uns von Tristan und Isolde. Der treue Vasall hatte für seinen König diejenige gefreit, die selbst zu lieben er sich nicht gestehen wollte, Isolden, die ihm als Braut seines Herrn folgte, weil sie dem Freier selbst machtlos folgen mußte. Die auf ihre unterdrückten Rechte eifersüchtige Liebesgöttin rächt sich: den, der Zeitsitte gemäß für den nur durch Politik vermählten Gatten von der vorsorglichen Mutter der Braut bestimmten Liebestrank läßt sie durch ein erfindungsreiches Versehen dem jugendlichen Paare kredenzen, das, durch seinen Genuß in hellen Flammen auflodernd, plötzlich sich gestehen muß, daß nur sie einander gehören. Nun war des Sehnens, des Verlangens, der Wonne und des Elends der Liebe kein Ende: Welt, Macht, Ruhm, Ehre, Ritterlichkeit, Treue, Freundschaft - alles wie wesenloser Traum zerstoben; nur eines noch lebend: Sehnsucht, Sehnsucht, unstillbares, ewig neu sich gebärendes Verlangen, Dürsten und Schmachten; einzige Erlösung: Tod, Sterben, Untergehen, Nichtmehrerwachen!

Der Musiker, der dieses Thema sich für die Einleitung seines Liebesdramas wählte, konnte, da er sich hier ganz im eigensten, unbeschränktesten Elemente der Musik fühlte, nur dafür besorgt sein, wie er sich beschränkte, da Erschöpfung des Themas unmöglich ist. So ließ er denn nur einmal, aber im lang gegliederten Zuge, das unersättliche Verlangen anschwellen, von dem schüchternsten Bekenntnis, der zartesten Hingezogenheit an, durch banges Seufzen, Hoffen und Zagen, Klagen und Wünschen, Wonnen und Qualen, bis zum mächtigsten Andrang, zur gewaltsamsten Mühe, den Durchbruch zu finden, der dem grenzenlos begehrlichen Herzen den Weg in das Meer unendlicher Liebeswonne eröffne. Umsonst! Ohnmächtig sinkt das Herz zurück, um in Sehnsucht zu verschmachten, in Sehnsucht ohne Erreichen, da jedes Erreichen nur wieder neues Sehnen ist, bis im letzten Ermatten dem brechenden Blicke die Ahnung des Erreichens höchster Wonne aufdämmert: es ist die Wonne des Sterbens, des Nichtmehrseins, der letzten Erlösung in jenes wundervolle Reich, von dem wir am fernsten abirren, wenn wir mit stürmischester Gewalt darin einzudringen uns mühen. Nennen wir es Tod? Oder ist es die nächtige Wunderwelt, aus der, wie die Sage uns meldet, ein Efeu und eine Rebe in inniger Umschlingung einst auf Tristans und Isoldes Grabe emporwuchsen?

 

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Offener Brief Richard Wagners an Friedrich Uhl

Quelle:Richard Wagner: Gesammelte Schriften. Hg. von Julius Kapp, 14 Bde., Bd. 2. Hesse & Becker, Leipzig o. J.
Bezug:Offener Brief, 18. April 1865, an Friedrich Uhl (Redakteur des Wiener Botschafter)

Im Sommer 1857 faßte ich den Entschluß, mich in der musikalischen Aufführung meines Nibelungenwerkes durch die Vornahme einer kürzeren Arbeit, welche mich wieder mit dem Theater in Berührung setzen sollte, zu unterbrechen. Tristan und Isolde ward noch in diesem Jahre begonnen, die Vollendung aber unter allerhand störenden Einflüssen bis in den Sommer 1859 verzögert. In betreff einer ersten Aufführung, die ich nur unter der Annahme meiner persönlichen Beteiligung dabei denken konnte, hatte ich, da ich damals noch vom Gebiete des deutschen Bundes ausgeschlossen war, im Sinne, mit einem Theaterdirektor mich über eine deutsche Opernunterhaltung für einige Sommermonate in Straßburg zu verständigen. Der Direktor des großherzoglichen Theaters in Karlsruhe, Herr Dr. Eduard Devrient, den ich deshalb um Rat fragte, stellte mir die großen Schwierigkeiten einer solchen Unternehmung vor und riet mir dagegen, abzuwarten, ob es den edelsinnigen Bemühungen des Großherzogs von Baden gelingen werde, für die nötige Zeit des Studiums meines Werkes mich nach Karlsruhe zu berufen, wo man mir dann gerne alle Mittel zu einer guten Aufführung bereithalten würde. Leider blieben die hierfür in Dresden getanen Schritte meiner durchlauchtigsten Gönner ohne den gewünschten Erfolg; mein persönliches Fernbleiben von Karlsruhe erschwerte die nötige Verständigung mit den zur Darstellung meines Werkes bestimmten Sängern derart, daß, bei den großen und durchaus ungewohnten Schwierigkeiten der gestellten Aufgabe, von da an, wo meine persönliche Anwesenheit in Karlsruhe sich als eine Unmöglichkeit herausstellte, von ferneren Versuchen zu ihrer Lösung abgesehen werden mußte. Wäre damals meine Berufung nach Karlsruhe möglich geworden, so hätte ich gerade dort diejenigen Sänger für die Hauptrollen des Tristan vorgefunden, welche selbst nach sechs Jahren, bei nun mir gewonnener gänzlicher Freiheit der Wahl, als einzig zur Lösung meiner Aufgaben befähigt, aus dem zahlreichen Personale der deutschen Operntheater von mir berufen werden konnten. Ich bezeichne hiermit das mir seitdem innig befreundete vortreffliche Künstlerehepaar Schnorr von Carolsfeld.

Welcher Umwege es nun für mich bedurfte, um das damals mir ganz nahe Gelegene, einzig durch oben bezeichnete Bedenken Verhinderte, zu erreichen, mögen Sie mit lächelndem Staunen erfahren.

Um mir die Möglichkeit einer ersten Aufführung von Tristan und Isolde unter meiner persönlichen Beteiligung zu verschaffen, siedelte ich im Herbste 1859 nach - Paris über. Mein Plan ging dahin, für Mai und Juni 1860 eine deutsche Musteroperngesellschaft nach Paris zu berufen; das italienische Operntheater, welches um diese Zeit alljährlich frei wird, sollte für ihre Aufführungen gemietet werden. Da ich die meisten der mir befreundeten und bekannten Künstler im allgemeinen bereit fand, meiner Einladung Beachtung zu schenken, mußte ich vor allem an die materielle Ermöglichung der Unternehmung denken. Ein geschäftlicher Leiter war in der Person eines der Eigentümer des italienischen Operntheaters unschwer zu finden; schwieriger war es, die finanzielle Garantie eines Kapitalisten zu verschaffen. Zur Übernahme derselben mußte einem wohlwollenden reichen Mann, dem Freunde einer meiner Pariser Freunde, Mut gemacht werden: auf eigene Gefahr hin richtete ich drei große Konzerte im italienischen Operntheater ein, in welchen ich Bruchstücke meiner Musik von einem großen Orchester und - wie dies in Paris nicht anders möglich ist - mit sehr bedeutenden Unkosten ausführen ließ. Der unleugbare große und bedeutende Eindruck dieser Konzerte auf das Publikum hatte für mich einzig den Sinn, das Vertrauen jenes zur Unterstützung meiner beabsichtigten Opernunternehmung in das Auge gefaßten, vermögenden Mannes zu gewinnen. Unglücklicherweise war gerade dieser ältliche Herr gänzlich verhindert, den Konzerten beizuwohnen; die Berechnung meines Freundes scheiterte. Während sich außerdem herausstellte, daß das richtige Zusammentreffen der von mir einzuladenden deutschen Sänger, der ihnen nur verschiedentlich freigestellten Zeit wegen, nicht zu vermitteln war, und schon die Opfer und Anstrengungen, welche mich diese drei Konzerte gekostet hatten, mich von weiteren Wagnissen dieser Art abschreckten, stellte sich der Erfolg meines Auftretens in Paris nach einer anderen Seite hin zu meiner Überraschung ergebnisvoll heraus. Der Kaiser der Franzosen gab den Befehl zur Aufführung meines Tannhäuser in der großen Oper. - Sie kennen genauer, in welche neue, sonderbare Verwirrung mich diese mit ziemlichem Geräusche in Europa begleitete Unternehmung verwickelte; sie kostete mich ein tief zerstreuendes Jahr meines Lebens. Während ich mit einem großen Erfolge, wäre er selbst möglich gewesen, nicht eigentlich gewußt hätte, was anfangen, fühlte ich mich mitten unter dem Wüten des entsetzlichen Mißerfolges wie von einer verderblichen Störung befreit, die mich bis dahin auf meinem wahren Wege aufgehalten hatte, und dieser Weg führte mich, da Paris mir anderseits wenigstens zur Wiedererschließung Deutschlands verholfen hatte, sofort nach Karlsruhe, um dort die endliche Ermöglichung einer ersten Aufführung meines Tristan zu betreiben.

Es war Mai 1861 geworden. Sofort der gnädigsten und fördernsten Gesinnungen des durchlauchtigsten großherzoglichen Paares versichert, hatte ich dagegen den währenddem stattgefundenen Fortgang des Künstlerpaares Schnorr zu beklagen, welches eine dauernde Anstellung in - Dresden angenommen hatte. Ich sollte nun, der geneigten Absicht meines edlen Gönners gemäß, mir die Sänger nach meinem Wunsche aussuchen, die man zu einer musterhaften Aufführung meines Werkes nach Karlsruhe berufen könnte. Der Besuch von - Dresden war mir damals noch nicht gestattet: ich eilte nach - Wien, um die dortigen Kräfte näher zu prüfen. Sie, lieber Uhl, erlebten mit mir die damals stattfindende schöne, für mich - erste Aufführung meines Lohengrin und finden begreiflich, daß alles, was ich an diesem berauschenden Mai-Abende erlebte, meinem gestörten Lebenslaufe plötzlich eine neue Richtung geben mußte. Die vortrefflichen Sänger der kaiserlichen Oper für eine Aufführung meines Tristan in Karlsruhe überlassen zu bekommen, stellte sich sofort als eine Unmöglichkeit heraus. Dagegen lag es mir nun nahe, dem Anerbieten der ersten Behörde des kaiserlichen Theaters, den Tristan alsbald in Wien unter meiner persönlichen Mitwirkung selbst zur Aufführung zu bringen, mit keinem Bedenken entgegenzutreten.

Sie wissen, worin mein Hauptbedenken bestehen mußte: dem beliebten Sänger Ander, dessen neulicher Tod uns alle mit so herzlicher Trauer erfüllte, mußte die ungemein anstrengende Aufgabe der Darstellung der Hauptrolle des Tristan jedenfalls zu viel zumuten. Da alle übrigen Partien aber vortrefflich zu besetzen waren, konnte ich mich dazu verstehen, die nötigen Änderungen, Kürzungen und Aneignungen vorzunehmen, welche die Lösung seiner Aufgabe auch diesem Sänger ermöglichen sollte. Im Herbst 1861 sollten die Proben beginnen. - Sie entsinnen sich, daß eine andauernde Stimmkrankheit Ander für diesen ganzen Winter zu irgendwelcher anstrengenden Beschäftigung unfähig machte; ein anderer Sänger war um diese Zeit nicht zu gewinnen - Tichatschek und Schnorr, beide in Dresden, konnten nicht abkommen. Das Unternehmen mußte auf ein Jahr verschoben werden. - Im Sommer 1862 verzweifelte ich bereits an der Möglichkeit einer Wiederaufnahme meines Werkes in Wien, als die Direktion zu meiner Überraschung mir anzeigte, Herr Ander fühle sich vollkommen wiederhergestellt und erklärte sich zur Wiederaufnahme des Studiums von Tristan und Isolde bereit.

In diesem Sommer lernte ich die vorzüglichen, mir ungemein sympathischen Leistungen des trefflichen Schnorr von Carolsfeld, eines singenden wirklichen Musikers und Dramatikers, kennen; er und seine Gemahlin, das als wahre und edle Künstlerin in Karlsruhe zuvor gefeierte, ehemalige Fräulein Garrigues, hatten die Hauptpartien meines Werkes sich bereits aus reiner Neigung, mit größter Liebe und innigstem Verständnisse, so weit angeeignet, daß wir, als sie mich am Rheine, wo ich mich damals vorübergehend aufhielt, besuchten, in meinem kleinen Zimmer, zu Bülows unnachahmlicher Klavierbegleitung, vollständige musikalische Aufführungen davon stattfinden lassen konnten. Dies ging in meinem Zimmer vor, während auf keinem Theater mir die Möglichkeit, das gleiche zu tun, geboten werden konnte. Auch Dresden, wo alle Mittel zur Ausführung meines Werkes vorhanden waren, durfte ich nun zwar wieder betreten, - als ich im Herbst des gleichen Jahres mich nur für einige Tage dort einfand, mußte ich aber an der besonderen Haltung der königlichen Generaldirektion des dortigen Hoftheaters sofort erkennen, daß an ein Befassen mit mir und meinem Werke dort nicht im entferntesten auch nur zu denken sei. Welche Hoffnungen ich mir überhaupt auf die Direktionen der größeren deutschen Theater zu machen hatte, lernte ich außerdem noch näher kennen, als ich nicht lange nachher bei Gelegenheit einer Durchreise durch Berlin mich dem Generalintendanten der königlich preußischen Hoftheater zum Besuch anmelden ließ, und dieser einfach meinen Besuch - verbat.

Unter solchen Umständen mußte ich denn aufs neue meine, wenn auch sehr geschwächten Hoffnungen auf Wien richten. Hier hatte seit den ersten Verzögerungen des Tristan die musikalische Presse sich mit besonderer Vorliebe der Aufgabe hingegeben, zu beweisen, daß mein Werk überhaupt unausführbar sei, kein Sänger könne meine Noten treffen, noch behalten: dieses Thema war zur Losung für alles, was über mich berichtete, schrieb oder sprach, durch ganz Deutschland geworden. Eine französische Sängerin allerdings, Mme. Viardot, drückte mir eines Tages ihre Verwunderung darüber aus, wie es nur möglich wäre, daß solche Behauptungen, irgend etwas sei nicht zu treffen und dgl., von uns gemacht werden könnten: ob denn die Musiker in Deutschland nicht auch musikalisch wären? Nun, hierauf wußte ich nicht recht, was ich sagen sollte, namentlich zur Belehrung der Künstlerin, welche einst in Paris gelegentlich einen ganzen Akt der Isolde ausdrucksvoll vom Blatt gesungen hatte. In Wahrheit war es auch mit meinen deutschen Sängern gar nicht so schlimm bestellt: auch meine Wiener Sänger machten mir endlich, durch meines werten Freundes Kapellmeister Esser ungemein intelligenten Fleiß und Eifer angeleitet, die große Freude, die ganze Oper mir fehlerfrei und wirklich ergreifend am Klavier vorzusingen. Wie es ihnen später beikommen konnte, wiederum zu behaupten, sie hätten ihre Partien nicht erlernen können - denn so ist mir berichtet worden -, bleibt mir ein Rätsel, über dessen Lösung ich mir den Kopf nicht zerbrechen will: vielleicht geschah es aus Gefälligkeit gegen unsere berühmten Wiener und anderweitigen Musikkritiker, denen nun einmal auffallend viel daran gelegen war, mein Werk für unausführbar angesehen zu wissen, und welche die dennoch ermöglichte Aufführung geradezu beleidigen mußte; vielleicht aber auch ist, was mir berichtet worden ist, selbst wieder unwahr; alles ist möglich, denn in der deutschen Presse geht es heutzutage nicht immer ganz christlich her. Genug! In Moskau erhielt ich im März 1863 eine Mitteilung der kaiserlich-königlichen Hofoperndirektion, nach welcher ich mit meiner Rückkehr nach Wien zu den um diese Zeit anberaumten Generalproben des Tristan mich nicht zu beeilen hatte, da Krankheitsstörungen eingetreten seien, welche die Aufführung vor den Theaterferien unmöglich machten. Diese Ferien gingen vorüber und - von Tristan war nicht mehr die Rede. Ich glaube, es herrschte im Personale allgemein die Ansicht, Ander würde, auch beim besten Willen, seine Partie nicht 'aushalten', geschweige denn öfter durchführen können. Unter solch mißlichen Umständen konnte die 'Oper' auch unmöglich der Direktion als ein Gewinn für das 'Repertoire' gelten. Ich fand dies und vieles andere so ganz richtig und in der Natur der Dinge begründet, so daß ich mich endlich gar nicht mehr um Aufklärung über das verschiedentlich mir Hinterbrachte bekümmerte. Aufrichtig gesagt: ich hatte es satt und dachte nicht mehr daran.

So war denn mein Tristan und Isolde zur Fabel geworden. Ich war hier und da freundlich behandelt: man lobte Tannhäuser und Lohengrin; im übrigen schien es mit mir aus zu sein.

Das Schicksal hatte es aber anders beschlossen.

Die Ausführung jedes bis dahin entworfenen Planes, wäre sie geglückt, hätte die Frage, um die es sich bei der Aufführung dieses Werkes handelte, nicht vollkommen rein gelöst: - diese Lösung so rein, als irgend die Umstände der Gegenwart es ermöglichen, zu bewirken, war mir dagegen vorbehalten. Als mich alles verließ, schlug um so höher und wärmer ein edles Herz dem Ideale meiner Kunst: es rief dem preisgegebenen Künstler zu: "Was du schaffst, will ich!" Und diesmal ward der Wille schöpferisch, denn es war der Wille eines - Königs.

Die wunderbare Schönheit der anregenden und fördernden Kraft, die seit einem Jahre in mein Leben getreten ist und sich meines ernstesten Dichtens und Trachtens mit lächelnd drängender Gewalt bemächtigt hat, kann ich meinen Freunden nur durch die Tat ihres Waltens offenbaren.

Eine solche Tat kündige ich Ihnen heute an. Und wie die Kraft beschaffen ist, welche hier wirkt, mögen Sie aus der Art ihrer Kundgebung schließen, wenn ich Ihnen melde, in welcher Weise der Tristan meinen Freunden vorgeführt werden soll.

Die Aufführungen von Tristan und Isolde, von denen drei wohl vollständig gesichert sind, werden gänzlich ausnahmsvolle und mustergültige sein. Hierzu sind vor allem die Darsteller der beiden ungemein schwierigen Hauptrollen, in den Personen meiner teueren Freunde, Ludwig und Malwina Schnorr von Carolsfeld, besonders nach München berufen: sie begleitet mein altvertrauter Kunstkampfgenosse, Anton Mitterwurzer, als 'Kurwenal', treu und echt wie einer. Somit, wie irgend die Umstände es ermöglichten, ist für die Besetzung der übrigen Partien in zweckmäßigster Weise auf das großmütigste gesorgt worden: jeder der Mitwirkenden ist mir freundlich ergeben. Um von jeden störenden Einflüssen eines täglich arbeitenden Theaterbetriebes frei gehalten zu werden, ist uns das trauliche königliche Residenztheater zur ausschließlichen Benützung überlassen; alles wird in ihm sorgsam für die Bedürfnisse einer innigen, klaren und trautverständlichen Aufrührung nach meinen Angaben hergerichtet. Hier steht uns fast täglich das herrliche königliche Hoforchester, Franz Lachners meisterhafte Schöpfung, für zahlreiche Proben zur Verfügung, bei welchen wir, nur auf die Erreichung der höchsten künstlerischen Feinheit und Korrektheit des Vortrags achtend, volle Muße und Zeit haben, dies ohne Anstrengung zu bewerkstelligen. Um mir den fördernden Überblick über die Leistungen der Gesamtheit zu erleichtern, ist mir mein lieber Freund Hans v. Bülow für die Leitung des Orchesters beigegeben, - gerade er, der einst das Unmögliche leistete, indem er einen spielbaren Klavierauszug dieser Partitur zustande brachte, von dem noch keiner begreift, wie er dies angefangen hat. Ihm, der mit dieser so vielen Musikern noch rätselhaft dünkenden Partitur bis zum Auswendigwissen jedes kleinsten Bruchteiles derselben vertraut ist und meine Intentionen bis in ihre zartesten Nuancen in sich aufgenommen hat, - dieses zweite Ich zur Seite kann ich mit jeder Einzelheit der musikalischen, wie szenischen Darstellung mich in der ruhig traulichen künstlerischen Stimmung befassen, wie sie nur der liebevolle Verkehr mit innig befreundeten Künstlern selbst ermöglicht. Für schöne Dekorationen und höchst charakteristische Kostüme ist mit einem Eifer gesorgt worden, als gälte es nicht mehr einer Theateraufführung, sondern einer monumentalen Ausstellung.

Auf diese Weise, wie aus der Wüste unseres theatralischen Markttreibens in die erfrischende Oase eines anmutigen Kunstateliers entrückt, bereiten wir das Werk einer dramatischen Aufführung vor, die, rein als solche, bei allen, die ihr anwohnen werden, Epoche machen muß.

Diese Aufführungen, für jetzt - wie gemeldet - vielleicht nur drei an der Zahl, sollen als Kunstfeste betrachtet werden, zu welchen ich von Nah und Fern die Freunde meiner Kunst einladen darf: sie werden demnach dem Charakter der gewöhnlichen Theateraufführungen entrückt und treten aus der üblichen Beziehung zwischen dem Theater und dem Publikum unserer Zeit heraus. Mein huldreicher Beschützer will, daß diese bedeutungsvollen Aufführungen nicht der gewöhnlichen Neugier, sondern lediglich dem ernsteren Interesse an meiner Kunst geboten werden sollen: somit bin ich ermächtigt, in alle Ferne hin, soweit meine Kunst sich Herzen gewann, die Einladung zu diesen Aufführungen ergehen zu lassen.

Sie werden etwa in der zweiten Hälfte dieses Mai stattfinden, und es sollen die Tage, soweit sie sich mit Sicherheit vorausbestimmen lassen, durch die verbreitetsten Blätter zur rechten Zeit noch genau angezeigt werden. Wir nehmen an, daß, wer sich eine Reise nach München eigens für diesen Zweck nicht verdrießen läßt, hiermit keine überflächliche Absicht verbindet, sondern dadurch seine ernste Anteilnahme am Gelingen der Lösung einer bedeutenden und edlen künstlerischen Aufgabe bezeugt; und jeder, der sich in diesem wohlverstandenen Sinne bei der königlichen Intendanz des Hof- und Nationaltheaters in München anmeldet, wird sicher sein können, zu der von ihm bezeichneten Aufrührung einen Platz im Theater sich aufbewahrt zu finden. - Wie an Fremde, wird an die hier einheimischen Freunde meiner Kunst eine gleichlautende und auf den gleichen Zweck gerichtete Einladung ergehen.

Dem etwaigen Spott darüber, daß durch solche Maßnahmen eben nur für ein besonders befreundetes Publikum gesorgt zu werden scheine, welchem zu gefallen es allerdings dann keiner großen Kunst bedürfe, werden wir ruhig entgegnen, daß es sich diesmal nicht um Gefallen oder Nichtgefallen, dieses wunderliche moderne Theaterhazardspiel, handelt, sondern einzig darum, ob künstlerische Aufgaben, wie die von mir in diesem Werke gestellten, zu lösen sind, auf welche Weise sie zu lösen sind und ob es sich der Mühe verlohne, sie zu lösen? Daß mit der letzten Frage nicht gemeint sein kann, zu erfahren, ob mit dergleichen Aufführungen viel Geld zu machen sein könnte (denn dies ist der Sinn des heutigen Gefallens oder Nichtgefallens im Theater), sondern lediglich, ob mit Werken der vorliegenden Art, durch vorzügliche Aufführungen, die erwartete richtige Wirkung auf das gebildete menschliche Gemüt überhaupt zu ermöglichen ist, dies wäre hier zu betonen: daß es sich also zunächst um die Lösung reiner Kunstprobleme handle und zur Mitwirkung bei ihrer Lösung somit nur diejenigen herbeizuziehen seien, welche durch ernsten Anteil an der Sache wirklich vorbereitet und befähigt hierzu sind. Ist das Problem gelöst, so wird die Frage sich erweitern, und in welcher Weise wir dem eigentlichen Volke Anteil an dem Höchsten und Tiefsten auch der Kunst gönnen und zu bereiten bestrebt sind, wird sich dann ebenfalls zeigen, wenngleich wir für jetzt das eigentlich stehende Theaterpublikum unserer Tage noch nicht unmittelbar hierbei in das Auge fassen zu dürfen glauben.

Finden Sie nun, lieber Uhl, daß ich Sie von keinem ganz unbedeutenden Kunstvorgange unterhalten habe und daß es sich der Mühe verlohnen dürfe, für die Verbreitung der hierin enthaltenen Ankündigung etwas zu tun, so bitte ich Sie, nach bestem Ermessen Ihre publizistischen Verbindungen hierfür zu benützen. Ich bin bescheiden genug, zu wissen, daß ich mit meiner Einladung mich nur an wenige wende; aber ich weiß auch, daß diese wenigen überraschend weithin zerstreut sind: ihnen, den Zerstreuten, möchte ich gerne meinen Aufruf zukommen lassen; denn was sie zunächst zu einer seltenen Sammlung beruft, ist, sollte selbst die Kunstleitung hinter ihr zurückbleiben, jedenfalls eine so seltene, schöne und ruhmreiche Tat, daß sie wohl weithin zu beachten sein sollte. Unsere Losung sei: Heil dem edlen Wirker dieser Tat!

 

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Ansprache vor der Münchner Generalprobe

Quelle:Richard Wagner: Gesammelte Schriften. Hg. von Julius Kapp, 14 Bde., Bd. 2. Hesse & Becker, Leipzig o. J.

 

Meine Herren und Freunde vom kgl. Hoforchester!

Ich bitte Sie um einige Augenblicke Aufmerksamkeit. Wenn ich während der beschwerlichen Proben Sie dann und wann durch ein scherzhaftes Wort zu erheitern suchte, habe ich Ihnen jetzt nur Ernstes zu sagen. - Zuerst muß ich Ihnen mitteilen, daß ich mir die Ehre versagen muß, mich diesmal an Ihre Spitze zu stellen. Und es ist dies eine große Ehre, der ich entsage: nur wichtige Gründe können mich, das ermessen Sie wohl, zu dieser Entsagung bestimmen. Der erste dieser Gründe ist für mich betrübender Art: er rührt von meiner Gesundheit. Ich bin leidender, als manchem es den Anschein haben mag: Die ungemeine Aufregung und Anstrengung, die für mich die persönliche Leitung des Orchesters mit sich führen würde, könnten mich leicht außerstand setzen, ohne Störungen zu bereiten Ihrer Leistung vorzustehen. Ich bitte Sie der Wahrhaftigkeit dieser meiner Befürchtung vollen Glauben beizumessen. - Der zweite Grund ist dagegen erhebend und schön: ich bin Ihnen zum Gelingen nicht mehr nötig. Wenn Sie mich recht verstehen, so sage ich Ihnen hiermit den zartesten Lobspruch. Sie haben mich nicht nötig. Mein Werk ist in Ihnen aufgegangen, aus Ihnen tritt es mir wieder entgegen: ich kann es ruhig genießen. Dies ist ein einziges Glück. Das Schönste ist erreicht, der Künstler darf über seinem Kunstwerke vergessen werden. Was die teuren Künstler, die mir als Freunde hierher nachfolgten, mit so hingebender Liebe sich aneigneten, muß dieser Liebe wert gewesen sein: was Sie mit so außerordentlichem Fleiße, mit eherner Geduld, unter den mühseligsten Übungen zur vollen, schönen Erscheinung förderten, muß dieser Mühe sich verlohnt haben. Schwierigkeiten, wie sie noch nie geboten wurden, sind überwunden: die Aufgabe ist gelöst und die Erlösung des Künstlers ist erreicht - Vergessenheit! Vergessen seiner Person! Wie gerne sehe ich mich selbst vergessen; habe doch auch ich zu vergessen, vieles und manches, worunter meine Person litt. Dieses beglückende und befreiende Vergessen rufe ich jetzt auch für meinen teuren Freund an, der meinen Ehrenplatz an Ihrer Spitze einnimmt: möge auch seine Person über seiner Leistung vergessen werden, der Sie gewiß mit mir die vollste gebührende Anerkennung zollen! - Und nun noch ein Wort über den Charakter unserer Proben: heute werden wir das Werk unter uns vollständig wie zu einer ersten Aufführung behandeln. Wir wollen unsere Kräfte prüfen, einer nächsten Rekapitulationsprobe die Korrektur etwa noch angetroffener Mängel vorbehalten, und so heute das volle Gefühl der künstlerischen Leistung uns verschaffen.

Für die erste wirkliche Aufführung bleibt uns dann nur übrig die Wirkung auf das eigentliche Publikum - denn heute befinden wir uns nur vor eingeladenen Zuhörern einer Probe - kennen zu lernen. Ich hege keine Bangigkeit vor dieser Berührung mit dem wirklichen Publikum. Das deutsche Publikum war es, welches mich gegen die sonderbarsten Anfeindungen der Parteien überall aufrecht erhielt. Doch ist vielleicht der Haß nicht überall zu tilgen: gegen ihn wenden wir das Mittel an, welches uns Tristan und Isolde kennen lehrt. Isolde glaubt, Tristan zu hassen und reicht ihm den Todestrank: doch das Schicksal wandelt ihn in den Trank der Liebe. Dem gifterfüllten Herzen, das etwa auch unserm Werke nahen sollte, reichen wir den Liebestrank. An Ihnen ist es, diesen Liebeszauber auszuüben; ich lege sein Werk in Ihre Hand.

 

 


Dokument erstellt am 16. November 2000

PD Dr. Wolfgang Krebs, Clemens Gresser