(Lüneburg, 6. bis 9. Oktober 1999)
von Sabine Beck, Frankfurt/Main
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Der Dachverband der Studierenden der Musikwissenschaft traf sich im Oktober 1999 zu seinem jährlichen Symposium in Lüneburg, das zum ersten Mal an einem nicht-musikwissenschaftlichen Institut durchgeführt wurde. Die studentische Gruppe der angewandten Kulturwissenschaften (Fach Musik) richtete das Programm der Tagung entsprechend interdisziplinär und anwendungsbezogen aus. Thema war die wechselseitige Abhängigkeit von technologischer und musikalischer Entwicklung, die unter verschiedenen Gesichtspunkten und in unterschiedlichen Sektoren betrachtet wurde. Neueste Medien und ihre Auswirkungen auf den Kompositionsprozess kamen ebenso zur Sprache wie einzelne Instrumente, ihre technische Fortentwicklung und die Ausformung spieltechnischer Virtuosität. In praxisnaher, angewandter Musikwissenschaft wurde die Verwendungsvielfalt durch Sampling oder die Problematik des Urheberrechtes im Internet behandelt.
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Das Eröffnungskonzert gestaltete Helmut W. Erdmann, der in Lüneburg das Fortbildungszentrum für Neue Musik und das Internationale Live Electronic Center leitet. Er spielte zeitgenössische Werke für Flöte und Live-Elektronik in überzeugender Interpretation. Den zweiten Abend gestaltete der Düsseldorfer Komponist Christian Banasik mit einem abwechslungsreichen Gesprächskonzert. Aufgeführt wurden seine kammermusikalischen Werke für Saxophon (Frank Timpe) und Klavier (Michael Nielen) solo bzw. mit Tonband. Im letzten Konzert am Freitagabend stand wiederum ein ortsansässiger Musiker im Vordergrund: Kirchenmusikdirektor Dietrich von Amsberg interpretierte auf der historischen Böhm-Orgel der St. Johannis Kirche Werke von Bach, Messiaen u. a.
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Der Kreis der Vortragenden setzte sich aus Musikwissenschaftlern, Komponisten und Fachleuten der Musikwirtschaft zusammen. Michael Harenberg (Stutensee) lieferte einen historischen Abriss der verzahnten Entwicklung von Technik und Musik am Beispiel der Orgel. In ähnlicher Weise zielten die Vorträge von Prof. Dr. Peter Ahnsehl (Lüneburg) zur historischen Bedingtheit der musikalischen Virtuosität und Dr. Ivan Raykoff (San Diego, USA) zum Klavier auf die spieltechnische Abhängigkeit technologischen Wandels. Die Vorträge der Komponisten Jay Chiarito Mazzarella (New York) und Jeremy Clark (Mallorca) thematisierten neue Möglichkeiten und Bedingungen des technischen Fortschritts und der Komposition. Das konkrete Beispiel "Brain Opera", vorgestellt von Dr. Bettina Schlüter (Bonn), stellte anhand des interaktiven und multimedialen Projektes die grundlegenden analytischen und historiographischen Kategorien der historischen Musikwissenschaft in Frage.
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Ein anwendungsbezogener Themenblock widmete sich dem Urheberrecht, aber auch der Konzeption und Umsetzung einer Musik-Homepage im Internet (am Beispiel der Bonner
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Projektgruppe Musik und Computer). Auch Jochen Stolla sprach über anwendungsbezogene Forschung: Der Musikwissenschaftler und Tonmeister untersuchte die Kriterien für das Klangbild von Aufnahmen, insbesondere bei Beethoven'schen Klaviersonaten. Seine Ergebnisse demonstrierte er eindrucksvoll im anschließenden hörpraktischen Workshop. Zum Urheberrecht sprachen Dr. Hartwig Ahlberg, Anwalt für Musik- u. Medienrecht (Hamburg), und Dr. Jürgen Brandhorst, Leiter des Musikdienstes bei der GEMA (München). Eine engagierte Podiumsdiskussion zum Thema Urheberrecht und mediale Musik mit Vertretern der Musikwissenschaft und -wirtschaft verdeutlichte Verständigungsschwierigkeiten und den Bedarf an Austausch zwischen universitärem und wirtschaftlichem Sektor. Nichtsdestoweniger blieb diese Auseinandersetzung für beide Seiten lehrreich.
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Im Zusammenhang mit angewandter Musikwissenschaft sind auch der Vortrag zur Filmmusik von Prof. Dr. Wolfgang Thiel (Potsdam) und die Darstellung der musikpädagogischen Einbindung von Technik und Kreativität im Lehramtsstudium von Prof. Dr. Bernd Enders (Osnabrück) zu erwähnen. Mit drei Beiträgen widmete sich die Tagung dem Verhältnis von "posthistoire", Pop und neuer Verfügbarkeit durch Technologien. Den Einfluss auf künstlerische Produkte schilderten Thomas Böhm (Giessen), Thorsten Klages (Lüneburg) und Martin Büsser (Mainz) - jeweils mit eigener Fragestellung. Beiträge zu grundlegenden musiktheoretischen und ästhetischen Überlegungen im wechselseitigen Verhältnis von Musik und Technik steuerten der Leiter des Lüneburger Kompetenzzentrums für Ästhetische Strategien, Dr. Rolf Großmann sowie Dr. Martin Elste und Dr. Martha Brech, beide aus Berlin, bei.
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Eine zweite Podiumsdiskussion rundete das Programm mit einem Thema ab, das zu den Hauptanliegen des DVSM gehört. Unter dem vielsagenden Titel Wer stört meinen Schlaf? - Verpaßt die Musikwissenschaft den Anschluß? ging es um die aktuelle Lage der Musikwissenschaft in Deutschland. Wolfgang Marx (Hamburg) und Jan Hemming
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(Bremen) lieferten als Ausgangspunkt der Debatte eine statistische Auswertung der regelmäßig in der Zeitschrift Die Musikforschung veröffentlichten Lehrpläne. Untersucht wurden die Anteile, die Systematische und Historische Musikwissenschaft sowie Musikethnologie am Lehrangebot besitzen. Ebenso wurde das Vorkommen neuer oder auch interdisziplinärer Ansätze untersucht (Veröffentlichung geplant). Die Ergebnisse regten eine lebhafte Diskussion an.
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In der nunmehr einige Jahre umfassenden Tradition der studentischen Symposien stellte auch Lüneburg wieder Themenfelder in den Vordergrund, welche die Studierenden ansonsten in der Lehre vermissen: Auseinandersetzung mit neuen Methoden, Interdisziplinarität und Praxisbezug. Dem Thema entsprechend stellte das Symposium neueste Vermittlungstechniken zur Verfügung - alle Vorträge und Diskussionen wurden live über das Internet übertragen, so dass sich auch Interessierte aus aller Welt an den Gesprächen in Lüneburg beteiligen konnten. Eine konstante, wenn auch begrenzte Online-Beteiligung war zu verzeichnen; der DVSM wird auch in Zukunft zur Verbreitung dieser Vermittlungsform beitragen. Das nächste Symposium zum Thema Musik und kulturelle Identität wird vom 11.-14. Oktober 2000 in München stattfinden.
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Dokument erstellt am 21. Mai 2000
PD Dr. Wolfgang Krebs, Clemens Gresser