FZMw Jg. 3 (2000) S. 76-82

Musik und kulturelle Identität

15. Studentisches Symposium des Dachverbands der Studierenden der Musikwissenschaft

11.-14.10.2000 Musikwissenschaftliches Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München

 

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Die Symposien des Dachverbands der Studierenden der Musikwissenschaft (DVSM) beschäftigten sich bereits in den vergangenen Jahren stets mit aktuellen Problemfeldern der Musik und der Musikwissenschaft, die aus Sicht der Studierenden im "regulären" Universitätsbetrieb jedoch unterrepräsentiert sind. Mit dem Themenfeld "Musik und kulturelle Identität" reihte sich auch die Fachschaft des Musikwissenschaftlichen Instituts der Universität München in diese Tradition ein. Musik spielt bei der Herausbildung und Definition von kultureller Identität eine wichtige Rolle, ebenso wie umgekehrt kulturelle Veränderungen nicht ohne Einfluss auf das Musikleben einer Gesellschaft bleiben können. Das Symposium beleuchtete beide Aspekte auf vielfältige Weise und vereinte dabei Vorträge aus Systematischer und Historischer Musikwissenschaft sowie der Musikethnologie.

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In seinem Eröffnungsvortrag beleuchtete Siegfried Mauser (Salzburg) das "Altern, Bewahren und Entwerfen neuer Musik". Mauser sieht eine mögliche Entwicklungslinie der Kunstmusik hin zu einer "Versöhnung von Moderne und Postmoderne in einer Eigensprachlichkeit", wie sie etwa im Werk Wolfgang Rihms zu Ausdruck komme.

 

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Dass die Musikanschauung Jean-François Lyotards entscheidend durch John Cage beeinflusst wurde, wies Nikolaus Bacht (London) in seinem Beitrag nach. Lyotard übernahm viele Denkmodelle des Amerikaners, radikalisierte sie jedoch und deutete sie im Sinne seines dekonstruktivistischen Ansatzes neu.

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Den Gegensatz von "Kennern" und "Nichtkennern" im Publikum Wolfgang Amadeus Mozarts beleuchtete John Irving (Bristol) durch eine an Jacques Derrida angelehnte Analyse einer Briefpassage, in der Mozart drei seiner Klavierkonzerte als für beide Gruppen gleichermaßen geeignet ausweist. Dabei stellt sich heraus, dass jede Gruppe nur "ex negativo" durch die Attribute der jeweils anderen definierbar ist.

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Mit einer weit zurückliegenden Exilsituation befasste sich Katelijne Schiltz (Löwen): Sie beleuchtete die Situation der Florentiner "fuorusciti", die während der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts aus politischen Gründen aus ihrer Heimatstadt verbannt wurden. Zwei von ihnen lebten als reiche Kaufleute in Venedig, wo sie ein reges Mäzenatentum entfalteten. Sie verhinderten jedoch offenbar gezielt die Thematisierung ihrer Exilsituation in den geförderten Werken und ließen darüber hinaus viele von ihnen nur im privaten Rahmen aufführen, so dass sie kaum bekannt wurden.

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Einen der wesentlichen musikästhetischen Auseinandersetzungen der Barockzeit war der jahrzehntelange Streit um die Qualitäten des französischen und des italienischen Stils, der vor allem in Frankreich erbittert geführt wurde. Claus Bockmaier (München) erläuterte, wie François Couperin in seiner Kammermusik eine "réunion des goûts" anstrebte und beide Stile miteinander zu vereinen suchte.

 

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Regionen, die im Laufe der Geschichte wechselnden Herrschaftsbereichen angehören, speisen ihre kulturelle Identität aus vielerlei Quellen. So demonstrierte Sandra Martani (Pavia) am Beispiel der liturgischen Musik Süditaliens, wie die byzantinische Herrschaft zwischen dem 6. und 11. Jahrhundert zu einer Integration ostkirchlicher Traditionen in den westlichen Ritus führte. Dass selbst eine Musikkultur, die sich explizit von einem anderen Kulturkreis abgrenzt, von diesem beeinflusst sein kann, zeigte Reinhold Schlötterer (München) bei seiner Betrachtung griechischer Volksmusik: Obwohl Ausdruck des neuerwachten Nationalstolzes nach Erringung der Unabhängigkeit vom osmanischen Reich, weist sie dennoch eindeutige Einflüsse türkischer Musik auf.

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Ausländer pflegen in Deutschland ihre heimatliche Musikkultur, setzen sich jedoch zugleich auch mit der Musik ihres Gastlandes auseinander. Am Beispiel der türkischen Mitbürger erläuterte Nico Schüler (Michigan) die wechselseitigen Einflüsse, die sich aus dieser Konstellation ergeben. Seiner Ansicht nach ist in den letzten zehn Jahren eine zunehmende Annäherung beider Kulturen zu beobachten.

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Lateinamerika bildete einen Themenschwerpunkt des Symposiums, dem drei Vorträge gewidmet waren: Zunächst erläuterte Isabel Mayagoitia (München) die Entwicklung der mexikanischen Musikkultur: Während sich besonders in ländlichen Gebieten Elemente der indianischen Musikkultur aus der Zeit vor der spanischen Eroberung bis heute erhalten haben, entstand daneben im Laufe der Zeit eine mexikanische Volksmusik, die beide Kulturen miteinander vereinigt. Schließlich ist eine Kunstmusik zu nennen, die trotz eindeutig europäischer Dominanz auch originär mexikanische Ausprägungen entwickelte - so entstanden etwa die Sarabande und die Chaconne in Mexiko und wurden von dort aus nach Spanien und ins übrige Europa "exportiert". Matthias

 

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Steinhauers (Lüneburg) Thema war der "Tango brasileiro", ein im späten 19. Jahrhundert im Rahmen der Suche nach einer eigenen brasilianischen Musikkultur entwickeltes Phänomen. Vor allem am Beispiel von Kompositionen Ernesto Nazareths erläuterte Steinhauer die Problematik, einer aus Europa importierten Musikkultur eigenständiges Gepräge zu geben. Zwar wurden wie auch in Mexiko volksmusikalische Elemente in die Musik aufgenommen, doch wirken sie eher als exotische "Zutaten", wie sie auch in Europa damals modern wurden - die generelle Abhängigkeit von Europa lässt sich auf diese Weise kaum überwinden.

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Die Musikkultur Chiles seit den 1960er Jahren war Gegenstand der Vortrags von Inés Santa Maria (München). Die bis dahin vorherrschende national-chilenische Popularmusik wurde abgelöst von der "Nueva Canción Chilena", die indianische Elemente einbezog und auch soziale Aspekte thematisierte. Nach dem Militärputsch 1973 wurde die "Nueva Canción" jedoch unterdrückt und konnte erst nach Chiles Rückkehr zur Demokratie 1989 im Land selbst wieder Fuß fassen.

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Gibt es eine spezifisch "jüdische" Musik? Dieser Frage ging Andrea Brill (München) am Beispiel der Œuvres von Darius Milhaud und Alexandre Tansman nach. Es zeigte sich, dass sich bei beiden Komponisten als "jüdisch" klassifizierbare Elemente weniger in der Musik als vielmehr in der Auswahl von Themen und Texten nachweisen lassen.

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Die jüdisch-liturgische Musik machte seit der Aufklärung einen allmählichen Annäherungssprozess an die christlichen Musiktraditionen durch. So wurden etwa in viele Synagogen Orgeln eingebaut oder christliche Lieder mit neuen Texten versehen und in den jüdischen Gottesdienst integriert. Tina Frühauf (Essen/New York) erläuterte, wie das Reformjudentum auf diese Weise eine eigene, eng an die christliche Tradition

 

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angelehnte Musiktradition schuf, die bis in die 1920er Jahre hinein blühte - bevor dann der zunehmende Antisemitismus und schließlich die Machtergreifung Hitlers der jüdisch-deutschen Kultur ein jähes Ende bereiteten.

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Wie sich ideologische Auseinandersetzungen in der Musik widerspiegeln können, führte Mathias Lehmann (Hamburg) am Beispiel zweier Opern aus der Zeit des "Dritten Reichs" vor: Karl Amadeus Hartmanns "Des Simplicius Simplicissimus Jugend" (1936) und Richard Strauss' "Friedenstag" (1938) lassen sich bei der Analyse auf verschiedenen semantischen Ebenen eindeutig in Beziehung zur herrschenden NS-Ideologie setzen: Während Hartmann eine klar regimekritische Haltung einnimmt, ist bei Strauss in vielen Bereichen eine Konformität gegenüber den zu jener Zeit allgemein propagierten neuen Werten und Zielen zu erkennen.

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Nicht nur die Musikpraxis, auch die Musikwissenschaft unterwarf sich zu großen Teilen bedenkenlos der neuen Ideologie. Franz Körndle (München) erläuterte am Beispiel der Entstehung des gregorianischen Gesanges sowie der Mehrstimmigkeit, wie sich deutsche Musikwissenschaftler im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts an einer "Rekonstruktion" der Musikwissenschaft beteiligten, die die zentrale Rolle der germanischen Rasse bei allen wichtigen musikgeschichtlichen Entwicklungen "beweisen" sollte. Dabei wurden oftmals auch damals bereits bekannte Fakten ignoriert oder verfälscht.

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Viele Musikerinnen und Musiker sahen sich nach der Machtergreifung Hitlers gezwungen, Deutschland zu verlassen. Mit ihrem Schicksal beschäftigt sich die Arbeitsgruppe Exilmusik der Universität Hamburg. Seit 1988 wurden hier unter der Leitung von Prof. Peter Petersen zahlreiche Forschungsprojekte durchgeführt, von denen viele in Ausstellungen und/oder Buchpublikationen mündeten. Am Beispiel des aktuellen,

 

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kurz vor dem Abschluss stehenden Projektes "Lebenswege verfolgter Musikerinnen im 'Dritten Reich' und im Exil" wurden die besonderen Probleme und Herausforderungen der Exilforschung erläutert.

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Auch in der DDR wurde die Kultur als Werkzeug im Klassenkampf instrumentalisiert. Lydia Grün (Berlin) legte anhand von zahlreichen Dokumenten die Entwicklung der Kulturpolitik der SED dar, bei der sich Phasen sehr direkter Steuerung des kulturellen Lebens mit solchen scheinbar größerer Freiheit der Kulturschaffenden abwechselten, wobei jedoch stets das Primat der Ideologie gewahrt bleiben musste. Wie Kunstproduktion unter einer derartigen staatlichen Reglementierung aussehen konnte, zeigte Viktoria Pavlova (Heidelberg) bei ihrer Untersuchung der späten Vokalzyklen von Dmitri Schostakowitsch, die sie vor allem im Hinblick auf ihre Stellung gegenüber der "offiziellen" sowjetischen Kulturpolitik beleuchtete.

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Ein weiterer Schwerpunkt des Symposiums galt dem Bereich der Popularmusik: Kai Weßler (Bochum) untersuchte die jüngere Geschichte des Grand Prix d'Eurovision und stellte vor allem am Beispiel von Guildo Horn vor, wie die Schlagerwelle der letzten Jahre unterschiedliche Publikumsschichten erfasst. Aufgrund der selbstironischen Vortragsweise Horns können sich sowohl Schlagerfans alten Stils wie auch eher kritischere Hörer, die sich eben aufgrund der Selbstironie doch "gefahrlos" zum Schlager bekennen können, angesprochen fühlen. Jochen Bonz (Bremen) definierte die Sprache der Popmusik als "die Sprache des schwachen Subjekts", welches sich als leer empfindet und in der Musik nach Gewissheit und Sicherheit sucht.

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Die Abschlussdiskussion ging von der Erkenntnis aus, dass eine Definition des Begriffs "kulturelle Identität" letztlich unmöglich ist. Angesichts der vielbeschworenen

 

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Globalisierung lässt sich sogar in Frage stellen, ob es in der Zukunft noch eindeutig voneinander abgrenzbare kulturelle Identitäten geben kann oder ob nicht vielmehr hybride Identitäten vorherrschen werden. Zumindest in Teilbereichen wird es nach Überzeugung der Symposiumsteilnehmer allerdings auch weiterhin distinkte kulturelle Identitäten geben.

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Das hervorragend organisierte Symposium stieß auf ein erfreulich großes Publikumsinteresse. Ein Symposiumsbericht ist in Vorbereitung.

 

Wolfgang Marx

 

 

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Dokument erstellt am 18. November 2000

PD Dr. Wolfgang Krebs, Clemens Gresser