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Hella Brock greift nach der Pointe: Daß sie mich in einem Atemzug mit Hugo Wolf nennt, schmeichelt mir. Daß sie mich der an ihm festgestellten "subjektiv-abwegigen Begrenztheit" zeiht (Absatz 1), spricht nicht für ihre wissenschaftliche Objektivität, handelt es sich bei den Kritiken Wolfs doch um grundlegende Rezeptionszeugnisse der Musik des 19. Jahrhunderts, die kein Musiker oder Musikwissenschaftler in derartiger Weise zu bewerten sich erlauben sollte.
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Hella Brock klagt darüber, daß ein Teil meiner Einlassungen keinen Bezug zu ihrem Aufsatz hätte (Absatz 2). Es muß, mit Verlaub, möglich sein, Anmerkungen zu Forschungen einer Kollegin gerade für ein Publikum, von dem man nicht erwarten kann, daß es in der wissenschaftlichen Debatte um Komponisten aus dem skandinavischen Raum auf dem neuesten Stand ist, in einen größeren Rahmen zu stellen. Dazu gehört der Versuch einer Standortbestimmung des zu besprechenden Autors. Eben dies bezweckten die einleitenden Absätze meines Aufsatzes. Hella Brock mag mit dieser Einordnung nicht einverstanden sein; sie schuldete uns dann aber einen hinreichenden Beleg dafür, daß sie meine Anmerkungen als "irrig" (Absatz 3) bewertet. Daß die von ihr angeführte Biographie eine Fülle von "ausgewerteten Selbstzeugnisse[n]" (Absatz 3) enthält, ist unbestritten. Wiederum muß es möglich sein, die Qualität eben dieser Auswertung zu kritisieren, wenn sie wie z. B. im Falle Abell (Absatz 3 meines Aufsatzes) an zweifelhaften Quellen unkommentiert festhält.
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Ebenso unstrittig ist, daß Griegs autobiographische Skizze das Bild seiner Persönlichkeit bereichert. Hella Brock vermittelt jedoch in dem von mir zitierten Zusammenhang ein ungenügend ausgeleuchtetes Bild von Grieg, wenn sie ihm nur "subjektive Übertreibungen" (Fußnote 2 zu meinem Aufsatz) zugestehen mag. Griegs Beziehungen zu Leipzig sind zu komplex, um sie, gerade in einer Publikation mit einer Fülle von Selbstzeugnissen zu eben diesem Thema, in einem Nebensatz abzuhandeln, was ein Blick in die einschlägigen Biographien ohne weiteres kundtut.
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Einer Relativierung der Bedeutung des norwegischen Grundgesetzes habe ich nicht das Wort geredet, sondern lediglich der historischen Differenzierung seiner Ausrichtung, wie man beim Nachlesen der entsprechenden Stelle unschwer erkennen kann (Absatz 6 in meinem Aufsatz). Brock impliziert mit ihren Bemerkungen über die norwegische Bauernschaft (Absatz 4), daß in ganz Norwegen über den einzuschlagenden Weg zu einer nationalen Selbständigkeit Einigkeit bestanden hätte. Davon kann in keiner Weise die Rede sein; Griegs Biograph David Monrad Johansen sprach in diesem Zusammenhang gar von den `zwei Kulturen´ Norwegens (Johansen, D.M.: Edvard Grieg, Oslo 31956, Kapitelüberschrift). Die beschriebene Entwicklung der Staatssprache spielte und spielt dabei für das kulturelle Selbstverständnis Norwegens wie überhaupt jeder Nation eine zentrale Rolle. Hella Brocks karge Bemerkungen dazu (Absatz 5) können nur verwundern.
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Daß die von Hella Brock in Absatz 6 genannten Persönlichkeiten einen starken Einfluß auf Grieg ausübten, unterliegt keinem Zweifel. Brock blieb uns aber in ihrem ursprünglichen Beitrag für das MPF Jahrbuch (Fußnote 1 zu meinem Aufsatz) den Beleg dafür schuldig, daß das auch der - ich bleibe bei dieser Formulierung - von ihr intendierten Dreiwertigkeit seiner Lebensaufgabe galt (Absatz 8 in meinem Aufsatz). Insofern nehme ich die Relativierung in ihrer Entgegnung (Absatz 6) mit Interesse zur Kenntnis.
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Ein gesundes Mißtrauen gegenüber dem Forschungsgegenstand ist keinem Wissenschaftler abträglich. Für Griegs Äußerungen bedeutet dies, daß sie in ihrem spezifischen Zusammenhang gesehen werden müssen. Nur so wird man schließlich zu Erkenntnissen kommen, die einem wissenschaftlich objektivierenden Prozeß entsprechen. In diesem Sinne, nämlich wiederum historisch differenzierend, sind meine Einlassungen zu Griegs Konzerterfolgen in København und Leipzig zu sehen (Absatz 10 in meinem Aufsatz). Brocks Hinweis auf den Brief an Frants Beyer (Absatz 7) ist hierbei ohne Bedeutung, weil dieses Schreiben Griegs Beziehungen zu København und Leipzig nicht zum Thema hat.
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Eben dasselbe gilt für meine Bemerkungen zu Griegs Lyrischen Stücken. Man wird diese nicht angemessen rezipieren können, wenn man sich nicht klarmacht, daß Grieg sorgfältig jeden direkten Bezug zur Volksmusik vermieden hat. Insofern sollten sich Brocks Formulierungen von selbst verbieten (Absatz 12). Es bleibt im übrigen ihr Ge-
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heimnis, wie etwa das nach einer Aufführung des Macbeth komponierte Wächterlied aus op. 12, die Erotik aus op. 43, der Glockenklang aus op. 54 oder die Französische Serenade aus op. 62 den Zuhörer oder Interpreten "die Träume und die Sehnsüchte des norwegischen Volkes in vielfältigen Klängen der Heimat nachempfinden" lassen kann.
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Den ganzen Absatz 13 meines Aufsatzes hat Hella Brock offenbar nicht richtig gelesen; von Zweifeln an Griegs Beweggründen ist dort nicht die Rede, hingegen von Brocks meiner Auffassung nach unstimmigen Argumentation. Auch werte ich Griegs Reaktion auf die Einladung nach Paris inhaltlich nicht ab; ich wundere mich nur über seine Naivität, die ihn offenbar glauben machte, ein derart krasser Ausfall wie sein Offener Brief an Colonne angelegentlich der Dreyfus Affaire, der doch das Gewissen einer ganzen Nation betraf, könnte wenige Jahre später schlicht vergessen sein. Hiermit ist die historische Berechtigung von Griegs Kritik an der "Rechtsbeugung" (Absatz 10) nicht in Frage gestellt.
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Was Griegs Lieder op. 61 betrifft, verweigert Brock mit ihren Anmerkungen jede vernünftige wissenschaftliche Diskussion, die die Widersprüche in ihren verschiedenen Darstellungen auch im Verhältnis zu Griegs eigenen Äußerungen aus dem Wege räumen könnte (Absatz 15 und Fußnote 16 in meinem Aufsatz, Absatz 11 ihrer Entgegnung). Die eigene Arbeit dazu als "grundlegend" einzustufen, dient nicht der Erhellung des Problems. In der Bewertung der Bedeutung von Griegs Tänzen op. 72 dürften wir uns einig sein; ob man Griegs von Brock zutreffend charakterisierten und zusammengefaßten Ansatz nun "musikerzieherisch" (Absatz 12) oder "kulturhistorisch" (Absatz 17 meines Aufsatzes) nennt, ist dabei zweitrangig. Meine Bedenken zur Verwendung des entsprechenden Begriffes erhalte ich allerdings aufrecht. Die Sammlung Norwegens Melodien schließlich ist mitnichten auf Griegs Veranlassung veröffentlicht worden. Ganz im Gegenteil hat er darauf bestanden, daß sein Name in diesem Zusammenhang nicht genannt werden dürfe. Sicher sind diese Bearbeitungen nicht "repräsentativ für Griegs Schaffen als Komponist" (Absatz 13). Das jedoch hat keine Bedeutung für das von mir unterstellte und begründete musikerzieherische Interesse Griegs, wenn es auch womöglich zunächst einmal uneingestanden war.
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Wer sich in einem zwölfseitigen Aufsatz bei 25 Anmerkungen in über "der Hälfte der Annotationen auf eigene Veröffentlichungen" bezieht (Absatz 14) und dabei - von Brief- und Tagebuchzitaten sowie Interviews abgesehen - andere Publikationen nicht
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auswertet, fordert die Frage heraus, ob es denn gar keinen Autor gäbe, an dem man seinen Standpunkt wenigstens durch Gegenüberstellung erhärten könne. Das Quellenverzeichnis zu meinem Aufsatz gibt einen kleinen, längst nicht vollständigen Einblick in die Komplexität des Themas. Gerade wenn es um die pädagogische Vermittlung geht, müssen die Fakten in größtmöglicher Differenzierung dargestellt werden. Eben das leistet Hella Brock nicht. Sie hat eine Idee von Grieg als Musikerzieher, und dieser werden die Fakten angepaßt, wenn nötig, bis zur Entstellung (Absatz 15 und Fußnote 16 meines Aufsatzes). Daß es zu Grieg als Musikerzieher etwas zu sagen gibt, ist, wie vieles zuvor, unstrittig (Absatz 20 meines Aufsatzes, Absatz 15 von Brocks Entgegnung). Daß man es so wie Hella Brock sagen muß, bleibt weiterhin zweifelhaft.
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Die logischen Brüche in Absatz 15 von Brocks Erwiderung sollen hier unkommentiert bleiben. Wer diese nicht erkennt, richtet sich selbst in seinem Anspruch, begründete und belegte Kritik an seinen Forschungsergebnissen als durch die Bank unzutreffend einstufen zu können.
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Den Herausgebern der Frankfurter Zeitschrift für Musikwissenschaft ist zu danken für ihre Bereitschaft, ihre im wahrsten Sinne des Wortes weltweite Publikation für diese Diskussion zur Verfügung gestellt zu haben. Für mich persönlich sehe ich allerdings aus den hier beschriebenen Gründen die Diskussion, unabhängig einer eventuellen weiteren Reaktion auch von anderer Seite, als beendet an.
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Dokument erstellt am 4. August 1998
PD Dr. Wolfgang Krebs, Clemens Gresser