Wie viele Werkkommentare Messiaens ist auch das Vorwort zu den Méditations sur le mystère de la Sainte Trinité nicht als autorisierte Erklärung oder Deutung der Musik zu betrachten. Die Darstellung der langage communicable durch den Komponisten suggeriert, daß die nach diesem (keineswegs in sich schlüssigen) System ermittelten Tonfolgen bloße Funktionen eines "Außermusikalischen" – der zugrunde liegenden Textworte – sind. In der Tat gehört die langage communicable zu den zahlreichen Methoden Messiaens, die musikalische Erfindung gleichsam in den neutralen Raum außerhalb des komponierenden Subjektes zu verlegen, wenn er auch zugleich versucht, sich mittels des Rückgriffs auf den Topos von "Musik als Sprache" als ein an der Tradition orientierter, ja geradezu romantischer Komponist erscheinen zu lassen. Jedoch ergibt die Analyse des ersten Satzes der Méditations, daß die nach den Prinzipien der langage communicable gestalteten Stimmen das Ergebnis bewußter kompositorisches Arbeit sind. Diese wird freilich nicht erst im Augenblick der Konzeption des Zeitverlaufes verrichtet, sondern betrifft bereits die Vorordnung des Materials: Das Ton-Alphabet selbst ist mit Blick auf das künftige musikalische Ergebnis hin erfunden. Durch diese Strategie ergibt sich die Gestaltung einer Hauptstimme als Folge von Motiven, die miteinander im Sinne der entwickelnden Variation verbunden sind.
Dabei dient die Übertragung in die langage communicable keineswegs – wie das Vorwort glauben macht – dem Zweck, die schwierige Textvorlage von Thomas von Aquin verständlich zu machen; im Gegenteil wird deren Aussage in mehreren Schritten noch weiter verschlüsselt. Der Sinn des Verfahrens ist kein "kommunikativer", sondern ein theologischer. Entsprechend der besonderen Bedeutung, die dem Wort in der christlichen Religion beigemessen wird, überträgt der Komponist die Erkenntnis, daß bestimmte Aspekte der Trinität aufgrund ihres Abstraktionsgrades nur mit Hilfe der Wortsprache auszudrücken sind, in ein kompositionstechnisches Verfahren. Seine Anwendung bedeutet eine ästhetische Umsetzung des Begriffs "mystère": Das "Geheimnis" des Ursprungs Gottes – Thema der Textgrundlage für den ersten Satz – wird durch die Übertragung in die langage communicable und die konkrete musikalische Bearbeitung nicht aufgedeckt, sondern weiter verdunkelt.
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Dokument erstellt am 19. Dezember 2002