FZMw Jg. 6 (2003) S. 176-179
Bericht über die internationale Musikwissenschaftliche
Tagung Hannover 2001.
Herausgegeben von Arnfried Edler und Sabine Meine
Augsburg: Wißner-Verlag, 2002.
Rezension von Simon Rettelbach
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In der Hochschule für Musik und Theater in Hannover fand vom 26.-29. September die internationale Tagung zum Thema "Musik, Wissenschaft und ihre Vermittlung" statt. Herausgegeben von Arnfried Edler und Sabine Meine ist im Wißner-Verlag als Band 12 der "Publikationen der Hochschule für Musik und Theater Hannover" der zugehörige Tagungsbericht erschienen.
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Der Band ist in vier Hauptteile gegliedert: Das Kolloquium I widmet sich dem Thema "Musikwissenschaft 2001: Lehre und Forschung im institutionellen Kontext", das Kolloquium II der "Klavier- und Orgelmusik im Industriezeitalter (1850-2000)". Im dritten Abschnitt finden sich die Beiträge des Symposiums "Musiktheorie – Musikwissenschaft", in einem letzten, wiederum in sechs Gruppen unterteilten Abschnitt, folgen freie Referate.
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Die Anordnung der Beiträge in der Veröffentlichung folgt dabei der Organisation der jeweiligen Veranstaltung – was einerseits Sinn macht, andererseits aber den inhaltlichen Schwerpunkten nicht immer gerecht wird: So findet sich der Beitrag "Musikwissenschaft in Deutschland: Eine praxisferne Disziplin" von Albrecht Gaub thematisch verwaist in der Gruppe VI der freien Referate, obwohl er in den Kontext des Kolloquium I gepasst hätte. Ebenso hätte der Beitrag "Französische religiöse Klaviermusik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts" von Stefan Keym in den Zusammenhang des Kolloquiums II gerückt schneller die Aufmerksamkeit des Lesers gefunden. Ein kurzer redaktioneller Hinweis hätte hier elegant Abhilfe geschaffen.
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Im Anhang des Bandes finden sich schließlich die Programme zweier das Symposium begleitender Konzerte und eine Audio-CD mit Mitschnitten des Konzerts vom 27. September 2001 zum Thema "Standorte der Klaviermusik 1850-2001."
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Im Folgenden sollen die Beiträge des Kolloquiums I besprochen werden; für die beiden Abschnitte "Kolloquium II" und dem "Symposium zur Musiktheorie" wäre eine baldige Fachrezension wünschenswert. Für die sechs Gruppen der freien Referate bleibt aufgrund ihrer ausgesprochenen inhaltlichen Heterogenität die Erschließung der einzelnen Beiträge durch die einschlägigen bibliographischen Datenbanken.
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Bei der Auswahl der Referate des Kolloquiums I verfolgten die Veranstalter offensichtlich zwei Hauptstrategien: Während die eine Gruppe als "Berichte aus den Ländern" klassifiziert werden kann – hierzu gehören die Beiträge von Greger Andersson aus Schweden, Christoph Wolff aus den USA, Renata Suchowejko aus Polen, Christian Meyer aus Frankreich sowie Jan Hemming mit Wolfgang Marx aus Deutschland –, beleuchten die Referate der zweiten Stoßrichtung das Modell der Zusammenarbeit der universitären Musikwissenschaft mit den Musikkochschulen. Hier berichten Susanne Rode-Breymann aus Köln, Anselm Gerhard aus Bern und Detlef Altenburg aus Weimar.
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Aus dem Rahmen der beiden genannten Haupttendenzen fällt der Beitrag "Interdisciplinary balance, international collaboration, and the future of (German) (historical) musicology" von Richard Parncutt – zu diesem mehr an späterer Stelle.
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Die Berichte aus dem europäischen Ausland zeigen, dass die Musikwissenschaft dort im Großen und Ganzen mit den gleichen Problemen konfrontiert ist wie in Deutschland. Das "Orchideenfach" Musikwissenschaft, wie es vor kurzem von dem Musikkritiker Helmut Maurò im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung bezeichnet wurde, hat aufgrund der geringen Studentenzahlen besonders unter den Einsparungsmaßnahmen der Kulturministerien zu leiden. Zwar weisen die einzelnen Länder im Detail unterschiedliche Strukturen in Forschung und Lehre der Musikwissenschaft auf, fruchtbare und ausbaufähige Impulse für Neuerungen des Faches finden sich in den Berichten jedoch kaum. Geradezu verwundert nimmt man zur Kenntnis, dass ausgerechnet die Referentin aus dem Noch-nicht-EU-Land Polen als einzige in durch
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die EU geförderten Research Programs neue Entwicklungsmöglichkeiten für die Musikwissenschaft sieht.
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Von besonderer Bedeutung vor dem Hintergrund der aktuellen hochschulpolitischen Entwicklungen ist der Beitrag "Musikwissenschaft in der amerikanischen Hochschullandschaft: Illusion und Wirklichkeit" von Christoph Wolff, welcher nicht nur ein Musikwissenschaftler von internationalem Rang ist, sondern in den Jahren 1992 bis 2000 als Dekan der Graduate School of Arts and Sciences in Harvard aktiv Hochschulpolitik betrieben hat. Vernichtend fällt allerdings dessen Urteil über die derzeitigen Bestrebungen der deutschen Hochschulen, Modelle aus der amerikanischen Hochschullandschaft an hiesigen Universitäten zu etablieren, aus: "Um es knapp zu sagen – ich halte es für eine Illusion, die gegenwärtig allenthalben zutage tretenden Probleme des deutschen Hochschulwesens durch Übernahme amerikanischer Elemente (darunter etwa Junior-Professuren und Bachelor-Studiengänge) lösen zu können. Es fehlen die dafür notwendigen Voraussetzungen und vor allem der Kontext." (S. 60)
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Unter den Beiträgen, die über Kooperationsprojekte zwischen Universitäten und den Musikhochschulen berichten, soll hier derjenige von Detlef Altenburg positiv hervorgehoben werden. Am Beispiel der Zusammenarbeit zwischen der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Hochschule für Musik "Franz Liszt" in Weimar zeigt Altenburg ein konsequent ausgearbeitetes Projekt, mit dem versucht wird, das im Folgenden zitierte, selbst gestellte und hochgesteckte Ziel zu verwirklichen: "Durch die doppelte Verankerung an Hochschule und Universität soll das Institut [für Musikwissenschaft] die Synergieeffekte einer künstlerisch-musiktheoretischen Basisausbildung und eines klar profilierten geisteswissenschaftlichen Studiengangs nutzen." (S. 97) Da die Kulturministerien – aus Gründen erhoffter ökonomischer Einsparungen – zunehmend die Kooperation zwischen Musikhochschulen und den Musikstudiengängen der Universitäten fordern, erscheint es – trotz oftmals berechtigter Zweifel beider beteiligter Institutionen – unbedingt notwendig, sich aktiv und offensiv an der Planung dieser Projekte zu beteiligen; die von Altenburg geschilderten Erfahrungen und Erkenntnisse sollten als Basis einer solchen Mitwirkung dienen.
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Richard Parncutt schließlich stellt in seinem umfangreichen und sorgfältig recherchierten Beitrag ein konkretes, am Beispiel Deutschland dargestelltes Konzept zur Veränderung und Beförderung der Musikwissenschaft vor. Kern seines Konzeptes ist dabei die vollständige Gleichberechtigung der musikwissenschaftlichen Teildisziplinen, die er mit der historischen und systematischen Musikwissenschaft, der Musikethnologie und -theorie benennt. Erreicht werden soll diese Gleichstellung dadurch, dass die Zahl der Professuren für alle Teildisziplinen angeglichen wird, somit auch die Budgets der Forschungsgelder ausgeglichen werden. Eine Vorstellung, die besonders unter der folgenden, von Parncutt formulierten Bedingung, durchaus reizvoll erscheint: "when selecting candidates for professorial positions, quality should never be compromised for the sake of fairness or morality" (S. 46). Wenig ausgeklügelt zeigt sich Parncutts Konzept allerdings, wenn es um die Finanzierung der angestrebten Veränderungen geht. Sein Vorschlag, dass "new positions in EM [Ethnomusicology/Musikethnologie] and SM [systematische Musikwissenschaft] might either be converted from HM [Historische Musikwissenschaft] or gained by jointly approaching new, external financial sources", zielt einfach zu weit an der deutschen Realität, die von Stellenabbau gezeichnet ist und in der externe Finanzierungen so gut wie keine Rolle spielen, vorbei. Eine erzwungene Umstrukturierung der bestehenden Institute bei gleichzeitiger Reduzierung der Mittel für Lehre und Forschung, wie sie derzeit nun einmal stattfindet, dürfte kaum sinnvoll durchführbar sein.
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Alles in allem liefern die Beiträge zum Symposium "Musikwissenschaft 2001" durchaus einige konstruktive, neue, sich als hoffentlich fruchtbar erweisende Anregungen für die zukünftigen Entwicklungsmöglichkeiten der Musikwissenschaft. Wünschenswert wäre noch der Vergleich der Musikwissenschaft mit verwandten Disziplinen – wie beispielsweise der Kunstgeschichte – gewesen sowie eine übergeordnete, kulturphilosophisch geprägte Positionierung des Faches innerhalb des Kanons der Geisteswissenschaften.
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Dokument erstellt am 8. August 2003