FZMw Jg. 6 (2003) S. 82–84


Geschlechterpolaritäten
in der Musikgeschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts

 

herausgegeben von
Rebecca Grotjahn und Freia Hoffmann,
Herbolzheim: Centaurus Verlag 2002

 


HTML-Schnellansicht
PDF-Format


 

Rezension von Katrin Losleben

–1–

Die Vorstellung von der Polarisierung der Geschlechtscharaktere durchzieht unseren Alltag, und jedes Steinchen muss umgedreht, es muss neu gedacht werden. Diese Erkenntnis nimmt man nach der Lektüre mit. Dieses Buch weckt auf und macht Lust auf mehr Vertiefung, auf ein Weiterkratzen an der herkömmlichen Darstellung der Musikgeschichte. Und das darf getan werden.

–2–

Im Herbst 2000 tagte die Sektion "Frauen- und Geschlechterforschung" der Gesellschaft für Musikforschung in Oldenburg zum vierten Mal und rückte dabei "Geschlechterpolaritäten in der Musikgeschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts" in den Mittelpunkt. Dabei wurde Bezug genommen auf die 25 Jahre alte, in der musikwissenschaftlichen Literatur jedoch ungenügend beachtete These der Historikerin Karin Hausen, dass Männer und Frauen seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert nicht nur als unterschiedlich, sondern als gegensätzlich beschrieben werden. So sind die Definitionen der Geschlechter gekennzeichnet von Begriffspaaren wie z.B. (männliche) Aktivität – (weibliche) Passivität, Rationalität – Emotionalität, Tapferkeit – Bescheidenheit, Öffentlichkeit – Häuslichkeit oder Kraft – Schwäche und stehen somit in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis zueinander. Frappant ist, dass sich die Begründungen für eben diese Zuschreibungen im Lauf der Zeit ändern: dieselben Phänomene werden im ausgehenden 18. Jahrhundert nicht länger vor dem sozialen Hintergrund, sondern durch die Natur der beiden Geschlechter, also die Zeugungs- bzw. Gebärfähigkeit, begründet. Damit kann die Unterordnung der Frau als eine Forderung der Vernunft erzwungen werden. Fußt aber das gleiche Phänomen "plötzlich" auf anderen Grundlagen, muss es unbedingt in Frage gestellt werden.



SEITE: 82


–3–

Die These von der Polarisierung der Geschlechter hat inzwischen deutlich an Kontur gewonnen: So berücksichtigt der vorliegende Band die Tatsache, dass zum einen bereits vor dem ausgehenden 18. Jahrhundert dualistische Denkmodelle kursierten, diese zum anderen aber auch in ihrem Wesen bis in die heutige Zeit fortbestehen und wirken. Die Historikerin Anne-Charlott Trepp stellt in ihrem Beitrag den Wandel der Darstellung der Geschlechtscharaktere in den Konversationslexika der Zeit ab dem frühen 18. Jahrhundert dar. Es wird dabei deutlich, dass ab der Mitte des 19. Jahrhunderts die Geschlechterordnung als logische Folge biologischer Phänomene gerechtfertigt wird; so soll – immer nachdrücklicher – dem Mann der Platz in der Öffentlichkeit gesichert werden, während die Frau ihre Bestimmung und Erfüllung im Kreis der Familie zu finden hat, wohlgemerkt in einer Zeit, in der von der zeitgenössischen Frauenbewegung bereits am Sockel der verbreiteten Geschlechterordnung gerüttelt wird. Dass sich der Diskurs in der Zeit um 1800 tatsächlich anders gestaltet hatte und "starke Frauen" sowohl in der Realität als auch in der Kunst (noch) existieren durften, zeigen auch einige der folgenden Artikel. Leben und Wirken von Frauen werden vorgestellt, deren kreative Entwicklungsmöglichkeiten nicht durch die herrschende Geschlechterordnung verhindert wurden. Auch der Pädagoge Johann Adam Hiller aus der Reihe derer, die sich über gesellschaftliche Konventionen hinwegsetzten und Mädchen dieselbe professionelle Ausbildung zu bieten versuchten wie sie sonst nur jungen Männern zukam, findet hier seinen Platz.

–4–

Mehrere andere Aufsätze beschäftigen sich explizit mit den immer noch anhaltenden Auswirkungen dieses Geschlechterdiskurses bis in das 20. und 21. Jahrhundert hinein und stellen sowohl den musikpädagogischen Alltag wie auch die jüngste Musikgeschichte in Frage: Werden Jungen und Mädchen im Instrumentalunterricht unterschiedlich behandelt? Ist die klavierspielende Japanerin wirklich als Zeichen der Modernisierung zu werten oder greifen auch hier Polarisierungszangen? Des Weiteren wurde anhand von Zeichnungen untersucht, ob Kinder Musikinstrumente auch heute geschlechtsspezifisch zuordnen, Ursel Schlicht beschäftigt sich mit der Rezeption von Jazzmusikerinnen seit den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts und wie alle Autorinnen und Autoren schärft auch Sabine Vogt die Sinne der Lesenden hin zu einer kritischen Wahrnehmung der Darstellung der Geschlechtermodelle mit ihrer Abhandlung über die Frontfrau der Popgruppe ABBA, Agnetha Fältskog.



SEITE: 83


–5–

Erfreulicherweise werden neben der zeitlichen noch weitere Dimensionen der Diskussion um die Geschlechterpolaritäten ausgeweitet: Polaritäten existieren nicht nur in intersexuellen Verhältnissen, sondern auch als intrasexuelles Phänomen. Als erstes sticht der Aufsatz von Corinna Herr ins Auge; sie gibt Einblick in den historisch-soziologischen Diskurs des Delikts "Kindsmord" und zeigt anhand zweier fiktiver Täterinnen, Euripides’ Medea und Goethes Gretchen, einerseits die Polarisierung "stark – schwach" innerhalb eines (des weiblichen) Geschlechtscharakters auf. Andererseits bestätigt die Autorin durch die Erläuterung der sich im Lauf der Zeit wandelnden Interpretationen der beiden Frauengestalten in verschiedenen Opern und deren Rezeption wiederum Anne-Charlott Trepps These, dass die Polarisierung der Geschlechtscharaktere als eine Gegenreaktion auf gesellschaftliche Wandlungen zu sehen ist: Die positive Rezeption einer ihre Kinder tötenden weiblichen Operngestalt ist erst ab einer bestimmten Zeit unmöglich.

–6–

In vielerlei Hinsicht gelingt es den AutorInnen, einen flexiblen und niemals festgefahrenen Blick auf die Geschlechterpolaritäten zu richten: Beispielsweise Katharina Hottmann, die die Darstellung dreier Männercharaktere aus der Oper Arabella von Richard Strauss anhand des Librettos und der Partitur miteinander vergleicht und dafür die üblichen Polarisierungen der Geschlechtscharaktere verwerfen musste, da Strauss’ Personenentwürfe zu realistisch gelangen. Es wird, wie auch in den anderen Aufsätzen, nie aus den Augen verloren, dass die Theorie der Geschlechterpolaritäten eine andere sein konnte als die Praxis.

–7–

Die Aufsätze beschäftigen sich mit dem Geschlechterdiskurs in den musikalischen Gattungen Lied, Sinfonik, Oper und Chorwesen oder mit musikästhetischen Begrifflichkeiten und ihren Auswirkungen, mit einzelnen Personen der Musikgeschichte und der Gegenwart. Ertappt man sich nach dem ersten oberflächlichen Blick bei der Suche nach dem roten Faden, so wird man bei der Lektüre schnell fündig: Das Buch ist eine wirklich umfassende Annäherung an die Thematik der "Polaritäten", die sich so vor dem Auge der Lesenden in die Vielgestalt ihrer Erscheinungsformen auffächern. Ein Genuss.









SEITE: 84



Dokument erstellt am 23. April 2003