FZMw Jg. 6 (2003) S. 134-137


Musiktheaterwissenschaft – eine interdisziplinäre Herausforderung?

17. Internationales Studentisches Symposium des DVSM e.V. am Institut
für Musikwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum, 2. bis 5. Oktober 2002

 


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von Lydia Grün

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Musiktheaterwissenschaft = eine in sich gefangene Disziplin, ohne den mittlerweile überall geforderten und notwendigen Blick über den eigenen Tellerrand hinaus? Den Stand der Disziplin wollten die OrganisatorInnen des 17. DVSM-Symposiums diskutieren und erhielten neben einer eindeutigen Zustimmung zum Bedarf von Interdisziplinarität höchst unterschiedliche Beispiele ihrer Anwendung auf Sujets der Musiktheaterwissenschaft. Das Symposium trug durch seinen Diskussionsstil, vor allem aber durch die präsentierten Forschungsansätze dazu bei, jungen MusikwissenschaftlerInnen eine sowohl hochschulpolitische als auch inhaltliche Perspektive zu geben.

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Die Beiträge des ersten Teils des Symposiums konnten thematisch fast übergreifend unter dem Motto "Werkanalyse in der Musiktheaterwissenschaft" gefasst werden. Ulrike Anton (Wien) trug in ihrem Vortrag "Viktor Ullmann, Der Kaiser von Atlantis" die These vor, dass Inszenierungen des im KZ Theresienstadt entstandenen Werkes Ullmanns nicht ausschließlich in den Zusammenhang des Nationalsozialismus zu stellen seien. Das Sujet der Oper greife eher die allgemeine Frage nach dem Sinn des Lebens auf. Jedoch stehe einer solchen weitergreifenden Interpretation, die – vor allem auch medial vermittelte – "Promotion" des Kaisers als sogenanntes KZ-Stück entgegen. In die Erforschung und Beurteilung Ullmanns Schaffen sei auch der Kontext der Steiner’schen Lehre mit einzubeziehen, was bisher, so Ulrike Anton, von künstlerischer als auch von wissenschaftlicher Seite kaum berücksichtigt worden wäre.

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Kristina Wille (Hamburg) stellte in ihrem Vortrag "Das Lehrstück Der Neinsager von Reiner Bredemeyer als Beispiel eines musikalisch-theatralischen Typus’ politisch engagierter Kunst" den Neinsager als komplementäres Nachfolgewerk zum Jasager von Kurt Weill vor. Die politisch motivierte Gattung der Lehrstücke rücke den Umgang mit lang tradierten Bräuchen, ihren Bezug zum Kollektiv und die Reaktion des Individuums thematisch in den Vordergrund. Kristina Wille hob in ihrem Vortrag vor allem das



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generelle Defizit der musikwissenschaftlichen Forschung in der Beschäftigung mit Werken nach 1945 hervor. Lehrstücke würden, wenn überhaupt, von der (Musik)Theaterpädagogik wahrgenommen. Die Musik(theater)wissenschaft berücksichtige in ihrem Forschungskanon eben gerade nicht den aktuellen Bezug, den beispielsweise die beiden Werke Der Jasager und Der Neinsager durchaus transportieren. Im anschließenden Gespräch wurde im Auditorium die Frage nach der Aktualität der musiktheatralischen Form des Lehrstücks kontrovers diskutiert. Ist ein gesellschaftlicher Kontext, vergleichbar dem der Weimarer Republik, noch gegeben, oder eignet sich das Lehrstück eher für praxisorientiertere pädagogische Zwecke?

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Die Folgen der gesteigerten Rezeption von Strindbergs Texten, welche vor allem durch die Zeitschrift "Die Fackel" in den Kreis um Arnold Schönberg getragen wurden, beschrieb Florian Heesch (Köln) in seinem Beitrag. Er bezeichnete Strindberg als "denkerisches Vorbild" für Schönberg, wobei der Komponist in seinem musiktheatralischen Werk Erwartung die Elemente des Mystischen und Halluzinatorischen im Vergleich zu Strindbergs Vorlage Traumspiel verstärkt hervor hob. Heesch betonte aber, dass das Konzept für Szene und Text von Schönberg nicht nur übernommen, sondern darüber hinaus noch erweitert wurde – um Strindbergs Intention gemäß zu versuchen, das sogenannte Unbewusste darzustellen.

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Christine Siegert (Hannover) sprach in ihrem Vortrag über "Die Oper in der Toskana in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts – Zur Verbreitung der Gattung auf dem Lande". Obwohl sich die Recherche aufgrund der spezifischen Quellenlage laut Christine Siegert schwierig gestalte, zeichnete sie anhand von Presseberichten ein detailliertes Bild der Spielplankonzeption der kleineren italienischen Gemeinden nach. Zudem berichtete sie über die Theater- und Kulturpolitik der toskanischen Fürsten, die sich mit Ablehnung oder Erteilung von Bühnengenehmigungen zwischen dem wirtschaftlichem Wachstum einer Region oder der Verhinderung der damals empfundenen "moralischen Verlotterung" (durch die Anwesenheit der Künstlertruppen) entscheiden mussten.

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Im zweiten Teil der Tagung wurden Vorträge präsentiert, die sich unter dem gemeinsamen Nenner "Interdisziplinarität und Methodik der Musiktheaterwissenschaft" fassen lassen. So berichtete Karin Stöck (Halle/Saale) in ihrem Vortrag – "Das Phänomen Szenische Kammermusik im Schnittpunkt von Musik- und Theaterwissenschaft" – über



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die Bildung des Arbeitsbegriffs "szenische Kammermusik" in der DDR. Als ein Beispiel von bewusst gestalteter Theatralität von Musik und deren latent vorhandener politischen Aussage führte sie Missa nigra von Friedrich Schenker an (UA 1978 in Leipzig). Die Missa nigra sprengt bewusst die Grenzen der Gattung und bewegt sich in Richtung eines szenischen Werkes. Die Form der Schwarzen Messe wird hier als Protestform (aus aktuellem Anlass zum Bau der Neutronenbombe) genutzt. Karin Stöck präsentierte so einen spezifischen Fall, für dessen Erfassung die Methoden der Musiktheaterwissenschaft einen gewissen Grad an Heterogenität aufweisen müssen, um die Ganzheit eines Werkes in der Analyse angemessen zu berücksichtigen.

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Tatjana Böhme-Mehner (Leipzig) hielt einen Vortrag über "Niklas Luhmanns systemtheoretischer Ansatz – Eine Chance für die Opernforschung?", in dem sie die Potenziale des Systembegriffs für Kunst/Musik vor allem in dessen Teilaspekt "Kommunikation" sah. Kordula Knaus (Graz) formulierte als eine aktuelle Aufgabe der Musiktheaterwissenschaft die Darstellung von Zusammenhängen zwischen szenischem Geschehen und seinem unweigerlich existenten intellektuellen Überbau. Regietheater sei Spiegel der Zeit, indem es nach immer neuen Ausdrucksformen und dazugehörigen theoretischen Konzepten suche. Als Beispiel in ihrem Vortrag "Musikwissenschaftliche Forschungsansätze in fremdem Terrain – Musiktheater als ‚Regietheater’" nannte Kordula Knaus u.a. eine Interpretation der Götterdämmerung von Ruth Berghaus 1987 in Frankfurt a. M., in der feministische Ansätze zur Lösung der Personen- und Systemkonflikte gewählt wurden. Zwei unterschiedliche Frauentypen in Wagners Werk konnte die Autorin so herausdestillieren: die meist mystisch verhaftete Femme fatale und den gutbürgerlichen Frauentypus.

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Dorit Schleissing (Berlin) thematisierte in ihrem Vortrag "Produktionsdramaturgie als Beispiel angewandter Musikwissenschaft und interdisziplinären Arbeitens" weniger die wissenschaftliche Nachbetrachtung, sondern mehr die vorbereitende Arbeit für eine szenische Interpretation. Am Beispiel von Béatrice et Bénedicte (Hector Berlioz) stellte sie die ganze Bandbreite der dramaturgischen Arbeit in Abhängigkeit zur Musikwissenschaft dar. Annika Lindemann (Bonn) präsentierte in ihrem Vortrag das virtuelle Opernprojekt Virtopera von Eberhard Schoener. Sie schilderte nicht nur die Funktionsweise der Internet-Oper, deren Aufführung von insgesamt vier Akten sich auf verschiedene Orte und einen mehrtägigen Zeitraum erstreckte, sondern stellte vor allem



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viele Problempunkte der Konzeption dieses auf Interaktion mit dem Publikum im World Wide Web ausgelegten Werkes zur Diskussion.

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Matthias Hornschuh (Köln) leitete anschließend einen Workshop zum Thema "Film – Musik? Das ‚besondere Verschwinden der Musik’ in Filmtheorie und -praxis", der plastisch vor Augen führte, welche Potenziale in der wissenschaftlichen Betrachtung von Filmmusik liegen. Wird Filmmusik von der Musikwissenschaft bisher eher als Zugabe zum Film, zum visuellen Produkt betrachtet, so zeigte Matthias Hornschuh eindrucksvoll, wie Kino mit den Worten von Tom Tykwer "die Hochzeit von Musik, Ton und Bild" sein kann. Ästhetische, psychologische, wahrnehmungstheoretische, aber auch wirtschaftliche Aspekte rückte der Autor in seinem mit Beispielen reich gespickten Vortrag in den Mittelpunkt.

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Der dritte Schwerpunkt des Symposiums war der Interdisziplinarität im besonderen Bezug zum Musical gewidmet. Frédéric Döhl (Berlin) beschrieb "Die multikulturelle Anlage der West Side Story" und untersuchte deren Elemente wie Choreografie, Dramaturgie, Musik und Text im Hinblick auf interdisziplinäre Fragestellungen. Astrid Demand-Schnitzer (Hamburg) hielt einen Vortrag zur Frage "Welche Verbindung besteht zwischen der deutschen Musicalszene und der Musik- bzw. Theaterwissenschaft?". Im Gegensatz zu Oper und Theater stehe bei der Musical-Produktion in erster Linie der Faktor Wirtschaftlichkeit im Vordergrund. Ein weiterer Unterschied ergebe sich durch die Rezeptionshaltung des Publikums. Musical werde als Erlebnisangebot wahrgenommen und eben nicht als Faktor der sogenannten kulturellen Bildung.

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Neben den Vorträgen diskutierten die TagungsteilnehmerInnen mehrfach über die Situation der Musik(theater)wissenschaft vor allem in deutschsprachigen Ländern. So standen besonders die Einführung der Bachelor/Master-Studienabschlüsse und deren Vor- und Nachteile in Bezug auf eine eigenständige Musikwissenschaft auf der Tagesordnung. Das nächste Internationale Studentische Symposium des DVSM e.V. richten vom 2. bis 4. Oktober 2003 die Studierenden des Musikwissenschaftlichen Instituts der Universität Hamburg aus. Unter dem Titel "form follows function" werden Beiträge zum thematischen Focus der Einbindung der Musik in funktionelle Zusammenhänge zu hören sein.



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Dokument erstellt am 5. Juni 2003