Gail, Dorothea:
Gegen eine "entmännlichte" Musik.
Genderkonnotationen in Musik und Texten von Charles Ives [PDF]
Jg. 8 (2005), S. 18–41
Abstract
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts etablierte sich in Amerika eine ideologische Rhetorik, die von
"maculine music" oder im Gegenzug von "emasculated", "feminine" bzw. "sentimentalized music" sprach.
Eine neue männliche amerikanische Musik sollte in die Fußstapfen der großen Meister treten, wohingegen
jeder musikalische Ausdruck eines zarten Gefühls als oberflächlich und weiblich degradiert wurde.
Dabei wurde dieses Vokabular hauptsächlich auf die Musik von Männern angewendet – komponierende Frauen
wurden fast garnicht wahrgenommen. Charles Ives übernimmt diese Rhetorik und die Gedanken seiner Zeit und
benutzt sie vor allem gegen den etablierten Musikbetrieb. Er wendet dieses Vokabular auch auf seine Musik an,
indem er atonale Passagen als "music for men" bezeichnet und manche tonalen Passagen als Parodie eines
"sentimentalen" Stils gestaltet und sie z.B. mit "Andante emasculata" überschreibt. Diese verbale
Bedeutungszuschreibung bleibt jedoch eine von außen herangetragene. Daneben versucht Ausdrucksdeutung den
"Sinn" solcher Passagen aus der Gesamtstruktur des Werkes zu ermitteln. Dabei stellt sich heraus, dass gerade
die als "verweiblicht" bezeichneten Passagen, für Ives die Sehnsucht nach einem Glück verkörpern, das er durch
den Tod seines Vaters verloren hat. Das Changieren dieser Passagen (in 4. Symphonie, 2. Streichquartett) zwischen
verlorenem und deswegen nur parodiert zu ertragendem Glück und tiefer Sehnsucht – und die Störung dieser Sehnsucht
durch Atonalität – macht die Musik im Ausdrucksspektrum so interessant.
Dokument erstellt am 13. Dezember 2005