Marion Gerards:
Narrative
Programme und Geschlechteridentität in der 3. Sinfonie von Johannes
Brahms. Zum Problem einer genderzentrierten Interpretation absoluter
Musik [PDF]
Jg. 8 (2005), S. 42-57
Abstract
Wenn Musik als Teil der kulturellen Praxis einer Gesellschaft
aufgefasst wird, geraten Aspekte wie Macht, Hierarchie, Ethnie oder
Klasse ebenso in den musikwissenschaftlichen Untersuchungsfokus wie die
Frage nach der Relevanz des Geschlechterverhältnisses für musikalische
Tätigkeiten oder nach der Konstruktion von Weiblichkeits- und
Männlichkeitsbildern in und durch Musik. Diese Fragestellungen griff
Susan McClary als eine der ersten MusikwissenschaftlerInnen auf.
Ausgehend von den durch Adolf Bernhard Marx geprägten Begriffen eines
ersten �männlichen' und eines zweiten �weiblichen' Themas und den damit
implizierten tonalen Zusammenhängen des Sonatensatzes interpretierte
sie den ersten Satz der 3. Sinfonie von Johannes Brahms als Ausdruck
einer männlichen ödipalen Zwangslage. In meinem Aufsatz setze ich mich
kritisch mit ihrem methodischen Ansatz auseinander und stelle ihm eine
alternative Interpretation gegenüber, um zu zeigen, dass eine
genderzentrierte Analyse absoluter Musik auf außermusikalische
Informationen angewiesen bleibt. Kann demnach eine strukturanalytische
Interpretation keine eindeutige Antwort auf die Frage nach einem
Genderinhalt von Musik geben, so belegen zeitgenössische
Interpretations- und Rezeptionsmuster wie zum Beispiel zur 3. Sinfonie
von Brahms, dass Musik im 19. Jahrhundert sehr wohl mittels
genderkonnotierter Programme gedeutet und narrativiert wurde. Das
musikanalytische Vorgehen ist daher durch eine sozialgeschichtliche
Perspektive zu ergänzen, damit die soziokulturelle Bedingtheit der
Konstruktion von Geschlechterbildern in und durch Musik sowie die
reziproke Verflechtung von Musik mit dem zeitgenössischen
Geschlechterdiskurs nachgezeichnet werden können..
Dokument erstellt am 13. Dezember 2005