Abstract



Ilka Siedenburg:
"Früh übt sich ....?" Geschlechtstypische Lernwege von Lehramtsstudierenden mit dem Unterrichtsfach Musik  [PDF]
Jg. 8 (2005), S. 80-102



Im Mittelpunkt des Beitrags stehen Ergebnisse einer empirischen Studie zu geschlechtstypi-schen Aspekten in der musikalischen Sozialisation. 306 Lehramtsstudierende mit dem Unter-richtsfach Musik aus Niedersachsen, Bremen und Hamburg wurden mittels eines teilstandar-disierten Fragebogens befragt. In dieser ersten Datenanalyse werden geschlechtstypische Cha-rakteristika des Instrumentalspiels dargestellt und mit Merkmalen der Lernwege und weiteren Einflussfaktoren in Verbindung gebracht.
Es zeigte sich, dass die Studentinnen in ihrer Kindheit mehr musiziert haben als die Studen-ten. Sie haben früher mit dem Instrumentalspiel begonnen und es häufiger mit anderen zu-sammen praktiziert. Demgegenüber musizieren die Studenten in der Gegenwart mehr und vielfältiger als die Studentinnen. Sie spielen in mehr Ensembles, treten häufiger auf und prak-tizieren mehr musikalische Stilrichtungen.
Zur Erklärung dieses Phänomens ziehe ich zunächst Daten zu den Lernwegen heran. Dabei zeigt sich, dass die männlichen Befragten weitaus häufiger im informellen Rahmen bzw. au-todidaktisch lernen. Auch hinsichtlich des Einflusses verschiedener Personen gibt es Unter-schiede zwischen den Geschlechtern: Während für die Studentinnen die Eltern und die In-strumentallehrkräfte besonders wichtig sind, spielen für die Studenten neben den Instrumen-tallehrern Vorbilder auf der Bühne und in den Medien ebenfalls eine wichtige Rolle. Dabei orientieren sich die Studierenden - besonders die Studenten - eher an Personen des eigenen Geschlechts.
Die Daten weisen auf verschiedene Erklärungen für anfangs beschriebene Problem hin: Das frühe Anfangsalter der Studentinnen könnte zu einer stärkeren Prägung durch die Eltern und ein geringeres Maß an Selbstbestimmung führen. In diesem Zusammenhang ist auch die ge-schlechtstypische Instrumentenwahl zu sehen, die den Studentinnen später weniger stilistische Flexibilität ermöglicht. Zudem deutet sich an, dass das von den Studentinnen wenig prakti-zierte informelle Lernen sowie die in diesen Lernzusammenhängen häufig praktizierten schriftfreien Lernformen wichtige Ergänzungen zum institutionalisierten Musiklernen dar-stellen. Auch die Vermutung, dass Mädchen und Jungen nicht nur in unterschiedlichem Maße Vorbilder vorfinden, sondern auch unterschiedlich mit ihnen umgehen, kann zur Erklärung der Geschlechtsunterschiede in der Musikpraxis beitragen.


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Dokument erstellt am 24. April 2006